Rabbiner Andrew Steiman entfaltet in seiner Auslegung zum Wochenabschnitt Pinchas (4. Mose 25,10-30,1) die tiefe Ambivalenz der Figur Pinchas. Der Enkel Aarons handelt am Ende des vorigen Abschnitts Balak im Affekt: Er durchbohrt den Fürsten Simri und die Midianiterin mit einem Speer. Damit endet eine Seuche, an der 24.000 Menschen sterben. Der Talmud betont, ein irdisches Gericht hätte diese Tat niemals erlaubt – und dennoch belohnt Gott Pinchas mit seinem Friedensbund (Brit Schalom).
Steiman ordnet dies in die vorangehende Erzählung ein: Der heidnische Prophet Bileam erkennt die Schönheit der israelitischen Zelte, die so angeordnet sind, dass Privatsphäre und damit eine befreite, private Sexualität möglich werden – eine echte Revolution gegenüber der ägyptischen Herrschaftsordnung, in der Sexualität öffentlich und ein Machtinstrument ist. Bileam rät deshalb, Israel durch midianitische Frauen zu verführen und so in die alte Sklavenmentalität zurückzuwerfen. Simris öffentlicher Akt macht das Private wieder politisch – hier setzt Pinchas’ Eifer an.
Der Rabbiner deutet den Lohn als Mahnung: Die Tat soll einmalig bleiben. Gott selbst eifert nur ungern; der Friedensbund soll Pinchas beruhigen, damit sich religiöser Extremismus nicht wiederholt. Der Abschnitt verbindet dies mit weiteren Themen: verschiedene Formen des Erbes, die drei Kronen (Königtum, Priestertum, Tora), das egalitäre Erbrecht der Töchter Zelofchads sowie die Nachfolge Moses durch Josua.
Nach dem Targum Jonatan wird Pinchas kurzzeitig zum Engel und gilt als Vorläufer des Elija und Ankündiger der Erlösung – ein messianischer Bezug. Im Dialog zieht Ricklef Münnich die Parallele zu Johannes dem Täufer, ebenfalls einem Eiferer und Wegbereiter, der jedoch nicht tötet, sondern selbst getötet wird. Zum 250. Jubiläum der USA schlägt Steiman den Bogen zur Gegenwart: Sexualität bleibt hochpolitisch. Der Abschnitt zeigt jedoch, dass Umkehr und Tikkun Olam möglich sind – die Rückkehr zu einer freien, heiligen, privaten Ordnung.










