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Schabbat Ekew || Nach der Wüste beginnt es erst

Mose warnt eine Generation, die alles erreicht hat – und Rabbiner Steiman zeigt, in welchen fünf Stufen Gesellschaften ihren Zusammenhalt verlieren. Von Ägypten bis heute.

Bis zum Ende des Zyklus der Tora-Lesungen im jüdischen Jahr 5786 siehst du Aufnahmen von Gesprächen mit Rabbinern zum Wochenabschnitt aus der Anfangszeit des „Wort zum Schabbat“. Diese wurden auf dem Portal von ahavta - Begegnungen bislang nicht veröffentlicht.

Die Auslegung zur Parascha Ekew wurde am 7. August 2020 aufgezeichnet.


Rabbiner Andrew Steiman liest den Wochenabschnitt Ekew (5. Mose 7,12–11,25) als Text der Erneuerung. Das Volk steht am Jordan, unmittelbar vor dem Übergang in ein neues Land – und damit, so Steiman, vor einem neuen Anfang, nicht vor einem Abschluss. Er vergleicht diesen Moment mit einer Geburt: Die Schwangerschaft endet, doch das Leben beginnt erst. Auch der jüdische Festkalender spiegele diesen Rhythmus, denn nach Tischa be-Aw führe der Weg in sieben Wochen auf Rosch ha-Schana zu.

Im Zentrum steht die Warnung aus Kapitel 8: „Hüte dich, den Ewigen zu vergessen.“ Wenn Sattheit, schöne Häuser, wachsende Herden, Silber und Gold kommen, droht Hochmut – das Vergessen der eigenen Herkunft aus dem Sklavenhaus. Steiman deutet Mose hier als Propheten im eigentlichen Sinn: einen, der eine Wenn-dann-Bedingung ausspricht. Wer die eigene Identität bewahrt, hat Bestand; wer sie vergisst, verliert sich selbst.

Diese Warnung liest Steiman soziologisch und gegenwartsbezogen. Reiche – Ägypten, Persien, Griechenland, Rom – seien nicht von außen zerstört worden, sondern implodiert. Der Mechanismus verlaufe in Stufen: aus dem Wir-Gefühl der Wüstenjahre wird die Frage nach dem Nützlichen, dann nach Bequemlichkeit, Genuss und Luxus. Dabei bildet sich eine Elite, die andere abhängt – Steiman betont, dass Menschen sich nicht nur abgehängt fühlen, sondern tatsächlich abgehängt werden. Mit Bertrand Russell verweist er auf Griechenland und die Renaissance: höchste Kunst bei gleichzeitigem Zerfall des Zusammenhalts. Aktuelle Beispiele sieht er in Putins Zarenreich-Nostalgie, Erdoğans osmanischen Bezügen und im „Make America Great Again”.

Als Rezept nennt Steiman drei Regeln: erstens die Identität nicht vergessen, was Freiheit und Gerechtigkeit (Zedaka, Zedek) hervorbringt und in Recht und Gewaltenteilung mündet; zweitens Ideale, die aus der eigenen Befreiungserfahrung erwachsen – gesichert durch den Kitt der Demut, sinnbildlich in der Kippa: Es gibt eine höhere Autorität, du bist nicht das Maß aller Dinge; drittens die Balance zwischen Einzelnem und Gemeinschaft, gebunden durch gemeinsamen Glauben – Religion als Rückbindung.

Am Schluss verweist Steiman auf Schma Jisrael, Mesusa und Tefillin sowie auf die Türsymbolik: eine Tür schließt sich, eine neue öffnet sich. Als Seelsorger von Schoa-Überlebenden zieht er die Bilanz: Ägypter, Perser, Römer sind verschwunden – das jüdische Volk besteht.

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