Diese Auslegung zum Wochenabschnitt Haasinu wurde am 25. September 2020 aufgezeichnet.
Rabbiner Alexander Nachama ordnet den Wochenabschnitt Haasinu (5. Mose 32,1–52) zunächst in den besonderen Schabbat ein, an dem er gelesen wird: den Schabbat Schuwa. Der Name stammt aus den ersten Worten der Haftara – „Kehre zurück, Israel, zum Ewigen, deinem Gott, denn du bist gestrauchelt durch deine Sünde“ (Hosea 14,2). Nachama erinnert an den aschkenasischen Brauch, dass Rabbiner früher nur zweimal im Jahr vor die Gemeinde traten, um zu predigen: am Schabbat Hagadol vor Pessach und am Schabbat Schuwa, um zur Umkehr aufzurufen. Auch heute gilt es, die zehn Bußtage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur zu nutzen, um zu prüfen, wo man anderen Unrecht getan hat, und sich zu versöhnen. Angesichts der Schadenfreude, mit der mancher über die Fehler anderer herzieht, bleibt fragwürdig, was das neue Jahr bringt – doch zur Umkehr ist es nie zu spät, und Gott eröffnet die Möglichkeit, Negatives hinter sich zu lassen.
Haasinu ist ein Lied der Hoffnung und der Warnung, eines von drei Liedern, die auf Mosche zurückgehen: neben dem Lied am Schilfmeer (Schirat Hajam) und Psalm 90. Der Text ist in schwerem Hebräisch verfasst und deshalb beim Vortrag ohne Vokale eine Herausforderung. In der Tora steht er zweispaltig geschrieben; der zweite Teil einer Zeile bekräftigt jeweils den ersten – „meine Rede tropfe wie Regen“ / „meine Rede fließe wie Tau“.
Inhaltlich beruht die Hoffnung des Liedes auf Gottes Treue: „Ein Fels ist er, ein Gott der Treue ohne Fehl.“ Treue zeigt sich darin, dass man nicht nur in guten, sondern gerade in schweren Zeiten zusammenhält. Trotz goldenem Kalb und ständigem Murren bleibt Gott Israel treu – das gibt Sicherheit für kommende Herausforderungen. Das Adlerbild, das über den Jungen schwebt und sie auf seinen Schwingen trägt, drückt Mosches Hoffnung aus, dass Gott sein Volk führt und Israel keinem fremden Gott verfällt. Nachama überträgt das auf die Gegenwart: Wenn Menschen zum „Fußballgott“ erhoben werden, gilt es zu erkennen, dass sie nur Menschen sind. „Ich kann töten und beleben, verwunden und heilen“ zeigt: Alle Macht liegt bei Gott; Ärzte haben ihren wichtigen Anteil, wären ohne Gottes Hilfe aber machtlos.
So passt das Lied in die Gegenwart: Es erinnert an Gottes Macht, an seine erwiesene Treue und daran, dass nichts Gewesenes vergessen wird – gerade an Jom Kippur, wenn das Schicksal besiegelt wird. Nachama schließt mit dem Gebet um Einschreibung in das Buch des Lebens und dem Wunsch Chatima Towa.










