Die Auslegung zum Wochenabschnitt „Geh für dich“ wurde am 30. Oktober 2020 aufgezeichnet. Auf diesem Portal habe ich sie noch nicht veröffentlicht.
Rabbiner Alexander Nachama liest den Wochenabschnitt Lech Lecha (1. Mose 12,1–17,27) als Geschichte von Aufbruch, Vertrauen und menschlicher Schwäche. Der Ruf „Lech Lecha“ – „Geh für dich“ oder „Zieh hinweg“ – verlangt von Awram, Land, Geburtsort und Vaterhaus zu verlassen: ein Vorgang, der in einem einzigen Vers steht und doch ein Leben umwälzt. Anders als bei Noach, den die Tora als gerechten Mann erwählt, schweigt sie bei Abraham über die Gründe. Für Nachama zeigt das, dass Gottes Beweggründe nicht immer verständlich sein müssen und dass eine an keine Bedingung geknüpfte Erwählung auch durch spätere Entwicklungen nicht infrage steht.
Abraham ist bereits 75 Jahre alt. Ein Midrasch erzählt, wie er die Götzen seines Vaters Terach zerschlägt; von Gott als Schöpfer muss er nicht erst überzeugt werden. Darum folgt er der Stimme in fast blindem Vertrauen und lebt Mut vor, auch im Alter Neues zu wagen, ohne das Ziel zu kennen. Ein anderer Midrasch vergleicht ihn mit einer verschlossenen Orange: Erst in der Fremde öffnet er sich und verbreitet seinen Duft in alle Himmelsrichtungen.
Bald folgt die erste Krise. Eine Hungersnot treibt Abraham nach Ägypten; Raschi deutet sie als Prüfung, die Abraham besteht, weil er nicht an Gott zweifelt. In Ägypten aber gibt er Sarai aus Todesangst als seine Schwester aus – eine halbe Wahrheit, denn nach Genesis 20,12 haben beide denselben Vater. Sarai gelangt in den Palast des Pharao, Abraham erhält reiche Gaben, von Zweifeln berichtet die Tora nichts. Erst Plagen über den Pharao, nach Raschi eine Hautkrankheit, führen zur Ausweisung des Paares.
Gerade diese Fehler machen Abraham für Nachama menschlich und sympathisch, wie später Jizchak, Jaakow und Mosche. Hinterher zu kritisieren ist leichter, als in schweren Lagen zu entscheiden. Mit Blick auf die Pandemie verweist er auf Pikuach Nefesch: lieber im Zweifel leben, als ohne Zweifel sterben. Auf die Frage, warum so viele Wege nach Ägypten führen, bis zur Flucht Jesu, kennt er keine überlieferte Antwort. Er verweist aber auf Ägypten als Großmacht, an deren als Gott verehrtem Herrscher sich Gottes Allmacht erweist.










