Die Auslegung zum Wochenabschnitt „Noah“ wurde am 23. Oktober 2020 aufgezeichnet. Auf diesem Portal habe ich sie noch nicht veröffentlicht.
Diese Folge besitzt kein Video; so wirst du umso besser zuhören können.
Rabbiner Andrew Steiman liest die Parascha Noach (1. Mose 6,9–11,32) als vielschichtige Erzählung über Licht, Frieden und das moralische Minimum menschlichen Zusammenlebens. Ausgangspunkt ist das hebräische Wort Tewa: Es bezeichnet die Arche, aber auch das Körbchen, in dem Mose auf dem Nil treibt. Buber und Rosenzweig übersetzen deshalb mit „Kasten“. Tewa meint ein Behältnis, im übertragenen Sinn auch ein Konzept, ähnlich wie Dawar zugleich Wort und Sache bedeutet.
Im Anschluss an eine von Raschi angestoßene Diskussion deutet Steiman den nur einmal belegten Sohar, die Dachluke der Arche, als Hinweis auf verschiedene Formen von Licht. Manche Stimmen sehen darin einen Glanz im Innern, andere sehen Noach selbst als Lichtträger, gleichsam als Vorläufer des strahlenden Mose. Noach ist jedoch ein Gerechter „zu seiner Zeit“, eine Zwischenstation zwischen Schöpfung und Abraham. Nach der Flut zerbricht sein Heldentum: Er wird zum ersten dokumentierten Betrunkenen der Menschheitsgeschichte. Mit dem Turmbau zu Babel endet die Parascha in einem Drama von Höhe und Fall.
Steiman warnt davor, diese Geschichten zu infantilisieren. Die Abstammung aller Menschen von einem Paar und die bunte Nachkommenschaft von Schem, Cham und Jafet, gespiegelt im Regenbogen, widerlegen jeden Rassismus. Mit Amos Oz deutet er das bittere Ölblatt im Schnabel der Taube: Frieden ist nicht süß, er kostet Mühe, verlangt tiefes Fliegen und die Rückkehr mit einer Botschaft.
Die noachidischen Gebote, allen voran das Verbot des Blutvergießens, versteht Steiman als universellen Minimalkonsens, als Minima Moralia im Sinne Adornos. Sie sind für ihn ein klares Nein zu Gewalt, wie sie sich in der Ermordung eines Lehrers in Frankreich zeigt. Den Neubau des Jüdischen Museums in Frankfurt erlebt er als moderne Tewa: hermetisch, weiß, mit Licht von oben, ein Ort der Aufklärung. Die Tora erscheint ihm als Straßenkarte: Wort ohne Welt führt ins Nichts, Welt ohne Wort verliert den moralischen Kompass.










