0:00
/

Wajera || Gastfreund in Sodom

Held oder Monster? Ein Vater bietet seine Töchter an, um zwei Gäste zu schützen. Walter Rothschild über Lot, Sodom und die heilige Pflicht der Gastfreundschaft.

Die Auslegung zum Wochenabschnitt „Er ließ sehen“ wurde am 6. November 2020 aufgezeichnet. Auf diesem Portal habe ich sie noch nicht veröffentlicht.


Rabbiner Dr. Walter Rothschild richtet den Blick in der Parascha Wajera (1. Mose 18,1–22,24) auf eine Randfigur: Lot, den Neffen Abrahams, über den die Tora auffallend wenig erzählt. Er stellt Fragen über Fragen. Lot wächst ohne Vater bei seinem kinderlosen Onkel auf, gilt als möglicher Erbe und zieht doch stets nur „mit ihm“, nie ganz als Teil der Familie. Als die Hirten beider streiten, schlägt Abraham die Trennung vor – für Rothschild der erste von vielen Teilungsplänen im Nahen Osten. Lot wählt den grünen Jordankreis, der aussieht wie ein Garten Gottes; der Text verrät jedoch schon, dass dieses Paradies untergehen wird. Erst nach Lots Abschied verheißt Gott Abraham das Land für die eigenen Nachkommen.

Im Zentrum steht Lot am Tor von Sodom. Er wohnt zwar in einem Haus aus Stein, ist im Herzen aber Beduine geblieben und übt als Einziger Gastfreundschaft. Als die Männer der Stadt die beiden Gäste fordern, bietet er ihnen seine Töchter an. Rothschild urteilt nicht vorschnell, sondern zeigt das Dilemma eines Mannes, für den der Schutz des Gastes heilige Pflicht ist, und erinnert an Menschen, die im Krieg ihre Familien gefährdeten, um Verfolgte zu verstecken. Zugleich bleibt Lot der Fremde, dem man vorwirft, „den Richter spielen“ zu wollen – ein Spiegel auch für heutige Debatten über Minderheiten.

Aus dem Schweigen des Textes liest Rothschild eine Familiengeschichte: verheiratete Töchter, deren Männer Lot auslachen, keine Söhne, eine namenlose Frau, wohl aus Sodom, die zurückblickt, weil sie ihre Heimat verliert. Abraham sieht am Morgen nur Rauch und hält auch Lot für tot. Lot endet jenseits des Jordans als Stammvater von Moab und Ammon – ein Leben, das ins Leere läuft.

Ein in Theresienstadt entstandener moderner Midrasch, in dem Gott selbst hinabsteigt und zum Gefangenen wird, verbindet die Erzählung mit der Schoa. Der Schluss weist in die (damalige) Gegenwart der Pandemie: Nicht jede Katastrophe fällt als Feuer vom Himmel, und noch bleibt Zeit zur Umkehr.

Diskussion über dieses Video

Avatar von User

Sind Sie bereit für mehr?