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Schabbat Beschallach || Die zwei Laden: Von Josefs Gebeinen und göttlichen Umwegen

Während alle Gold sammelten, suchte Mose Knochen. Und warum wählte Gott den Umweg durch die Wüste? Über göttliche Strategie und die Kraft des Erinnerns.

Rabbiner Dr. Walter Rothschild spricht über den Tora-Wochenabschnitt Beschallach (2. Mose 13,17–17,16). Der Schabbat trägt den Namen Schabbat Schira (Schabbat des Liedes) und ist zugleich der erste Schabbat seit zweieinhalb Jahren, an dem kein Gebet für Geiseln mehr gesprochen werden muss – eine besondere Form der Befreiung.​


Bei ahavta - Begegnungen kannst du den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und sogar als Podcast anhören:


Josefs Gebeine als Symbol der Kontinuität

Walter Rothschild hebt die Bedeutung von Josefs Gebeinen hervor, die Mose beim Auszug aus Ägypten mitnimmt. Josef ist die Verbindung des Volkes zu den Patriarchen und zum verheißenen Land. Die Israeliten tragen seinen Sarg durch die Wüste, bis er in Sichem begraben wird – auf jenem Grundstück, das Jakob einst gekauft hat. Diese Kontinuität vom Buch Genesis bis zum Buch Josua zeigt, dass Versprechen über Generationen hinweg bewahrt werden.​

Die Ambivalenz des Exodus

Der Name des Wochenabschnitts Beschallach bedeutet „als Pharao sie wegschickte“ und verdeutlicht: Die Israeliten wollten nicht wirklich gehen. Sie waren über Generationen in Ägypten verwurzelt, kannten den Alltag und hatten sozusagen Vollbeschäftigung. Gott führt sie nicht den direkten Weg entlang der Mittelmeerküste (Derech Plistim, die Straße der Philister), sondern durch einen Umweg zum Schilfmeer. Die Israeliten stehen zwischen Angst vor der Vergangenheit und Furcht vor einer ungewissen Zukunft. Ihre sarkastische Frage „Gab es nicht genug Gräber in Ägypten?” zeigt typisch jüdischen Humor in existenzieller Bedrängnis.​

Gottes Plan und menschliche Freiheit

Rothschild stellt die theologische Frage, ob Gott von Anfang an einen Plan hatte. Er vergleicht die biblische Erzählung mit aktuellen geopolitischen Ereignissen – etwa den Verhandlungen um Geiseln oder den Entwicklungen im Iran. Die Verhärtung des Herzens des Pharao und die zehn Plagen werfen die Frage auf, warum der Prozess so lange dauern musste. Vielleicht ist Gottes Plan nur rückblickend erkennbar und entsteht im Dialog mit dem Volk.​

Das Lied am Schilfmeer

Der Durchzug durchs Schilfmeer markiert den eigentlichen Moment der Befreiung. Der Rabbiner singt Verse aus Schirat Hajam (Kapitel 15) und erklärt, dass das Lied in der Tora-Rolle speziell formatiert ist: Die Textkolumnen bilden Wände, dazwischen der freie Raum für den Durchzug der Israeliten. Die vernichtete ägyptische Armee liegt unbestattet am Strand – für die Ägypter ein doppelter Tod, da ihnen die Grabstätte für ein Weiterleben im Jenseits fehlt.​

Aktualität und Gedenken

Walter verbindet den Wochenabschnitt mit dem Holocaust-Gedenktag (27. Januar) und Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume. Er kritisiert Gedenkfeiern, bei denen die jüdischen Opfer nicht explizit benannt wurden. Der Segensspruch Schehechejanu – „der uns bis zu diesem Moment gebracht hat” – drückt Dankbarkeit für erreichte Etappen aus, auch wenn die Zukunft ungewiss bleibt.

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