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Schabbat Wajakhel & Pekude || Heilig: Zeit oder Raum?

Was war das erste Heilige in der Tora – ein Berg, ein Altar, ein Tempel? Die Antwort überrascht. Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens über Schabbat und Mischkan.

Vielen Dank an alle, die das Live-Video verfolgt haben – auch mit der kleinen Unterbrechung, die es Live immer geben kann! Sei auch beim nächsten Mal wieder dabei.

Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens erklärt, warum die Doppel-Parascha „Wajakhel-Pekude(2. Mose 35–40) das zweite Buch Mose erst vollständig abschließt. Unter Berufung auf Nachmanides (Ramban) betont er: Weder der Auszug aus Ägypten noch die Gabe der Tora am Sinai stellen bereits die wahre Freiheit dar. Erst mit dem Bau des Mischkan – des mobilen Stiftszeltes – ist der Exodus wirklich vollendet. Denn wahre Freiheit bedeutet, selbst einen heiligen Ort zu schaffen, an dem das Volk mit Gott in Verbindung treten und selbst entscheiden kann, wann es arbeitet und wann es ruht.​


Du kannst den Tora-Abschnitt der Woche in der Übersetzung durch Samson Raphael Hirsch lesen und als Podcast hören:


Schabbat und Mischkan – untrennbar verbunden

Der scheinbar überraschende Schabbat-Vers zu Beginn von Wajakhel (2. Mose 35,2) – „Sechs Tage sollt ihr Arbeit tun, am siebten ist euch Schabbat“ – wird von Ahrens als theologisch zwingend erklärt. Laut talmudischer Tradition sind die 39 Kategorien der am Schabbat verbotenen Arbeiten genau jene Tätigkeiten, die beim Bau des Stiftszeltes verrichtet wurden. Rabbiner Samson Raphael Hirsch deutet dies so: Der Mensch unterwirft sich die Welt, um sich und seine Welt Gott zu unterwerfen. Am Schabbat hält er inne und huldigt damit dem einzigen wahren Schöpfer – dem Bekenntnis, dass nicht er selbst, sondern Gott der eigentliche Urheber aller Schöpfung ist. Selbst die Heiligkeit des Mischkan vermag den Schabbat nicht zu „übertrumpfen”.​

Heiligkeit in Zeit und Raum

Im Zentrum steht für Ahrens die Frage, was im Judentum als „heilig” gilt. Mit Abraham Joshua Heschel weist er darauf hin, dass das erste Vorkommen des Wortes „kadosch” (heilig) in der Tora nicht einem Ort, sondern der Zeit gilt: Gott segnete den siebten Tag und machte ihn heilig (1. Mose 2). Heschel schreibt: „Sechs Tage leben wir unter der Tyrannei der Dinge des Raumes. Am Schabbat versuchen wir uns einzustimmen auf die Heiligung der Zeit.“ Ahrens ergänzt Heschel: Die Heiligkeit liegt im Judentum in beidem – in Zeit und Raum. Schabbat und Mischkan (heute: Synagoge) gehören zusammen und bedingen einander.​

Freiheit, Gegenwart Gottes und Israel

Abschließend entfaltet der Rabbiner den Gedanken der Gottesbezeichnung „Maqom“ (Ort): Gott selbst ist der Ort der Welt, er ist omnipräsent. Deshalb konnte das Judentum auch nach der Zerstörung des Tempels fortbestehen. Und doch bleibt die räumliche Dimension bedeutsam – das Land Israel und Jerusalem als heiliger Ort. Für Ahrens ist die fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes trotz aller Verfolgung ein Zeichen der Gegenwart Gottes in der Geschichte. Schabbat und Synagoge nennt er „zwei echte Geschenke Gottes“, die dem Menschen Raum und Zeit geben, um den Alltag loszulassen und die Heiligkeit Gottes zu spüren.

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