Diese Auslegung zum Wochenabschnitt „Im Anfang“ wurde am 16. Oktober 2020 aufgezeichnet. Auf diesem Portal habe ich sie noch nicht veröffentlicht.
Rabbiner Dr. Walter Rothschild, der sich aus seiner Heimatstadt Bradford zuschaltete, beginnt beim Lesezyklus: Nach Simchat Tora fängt die Toralesung mit Bereschit (1. Mose 1,1–6,8) wieder von vorn an. Warum es 54 Wochenabschnitte gibt, erklärt er mit Schaltjahren, zusammengelegten Abschnitten, Feiertagen und dem zweiten Feiertag der Diaspora. Nichts im Judentum ist so einfach, wie man denkt.
Genesis 1 hält er für eines der meist missverstandenen Kapitel der Bibel. Er liest es nicht als Tatsachenbericht, sondern als Gedicht. Die „Tage“ sind keine 24 Stunden, denn Sonne und Mond entstehen erst später. Gott trennt Licht und Finsternis, doch Abend und Morgen sind Übergänge, keine scharfen Grenzen. Dass Gott Sonne, Mond und Sterne nur als Lichter setzt, versteht Rothschild als Absage an Gestirnsgötter und Astrologie. Der Auftrag „Seid fruchtbar“ sorgt dafür, dass das Leben weitergeht. Daraus folgt für ihn: Alles Leben ist heilig, und der Mensch darf nur mit Verantwortung herrschen.
Kapitel 2 ist eine zweite, parallele Schöpfungserzählung, die Fundamentalisten gern übersehen. In Kapitel 3 sieht Rothschild keinen Sündenfall, sondern das Erwachsenwerden: Die Menschen schämen sich ihrer selbst, verlassen den Garten und können nun selbst für Nachwuchs sorgen, mühsam und unter Schmerzen. In Übersetzungen gehen Wortspiele wie „arum“ (nackt und listig) verloren, ebenso die Schlange, die im Hebräischen männlich ist. Den Namen Chawa gibt Adam seiner Frau erst nach der Vertreibung: Sie wird zur Mutter.
Kain ist für ihn kein kaltblütiger Mörder. Er bringt als Erster ein Geschenk und wird von Gott, einem unerfahrenen „Großvater“, zurückgewiesen. Dann schlägt er im Affekt zu, ohne zu wissen, was Sterben ist. Auf den Fluch antwortet er trotzig: Er baut eine Stadt und gründet eine Familie.
Am Ende stehen die offenen Fragen nach Herkunft, Aufgabe und Verantwortung für Mensch, Tier und Natur. Rothschild warnt vor jedem Fundamentalismus: Wer nur Antworten hat, hört auf, Fragen zu stellen.










