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Schabbat Acharej & Kedoschim || Ani HaSchem: Warum Nächstenliebe mehr ist als Moral

Warum hängt Nächstenliebe an Gottes Wort? Amnon Seelig liest Acharej/Kedoschim als Ruf gegen Rache, Groll und die Bedrückung des Fremden.

Kantor Amnon Seelig verbindet den doppelten Wochenabschnitt Acharej Mot und Kedoschim (3. Mose 16–20) mit der Gegenwart jüdischer Erinnerung. Er erzählt zunächst persönlich vom Jom haSikaron, dem israelischen Gedenktag für gefallene Soldaten und Opfer des Terrors. Er ist nach seinem Onkel Amnon benannt, der im Jom-Kippur-Krieg gefallen ist. Darum ist dieser Tag für ihn seit der Kindheit emotional belastend. Zugleich berichtet er von seiner Mutter in Tel Aviv, die in diesem Jahr nach Mannheim geflogen ist, um ihre Enkelinnen zu sehen. Für sie ist das keine Flucht vor dem Gedenken, denn, so sagt sie: Familien wie ihre brauchen keinen besonderen Gedenktag, für sie ist jeder Tag ein Gedenktag.

Von dort führt Seelig in den Kern von Kedoschim: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Er betont, dass die gängige deutsche Übersetzung zu kurz greift. Im Hebräischen steht „re’acha“, also eher Freund, Genosse, Mitmensch. Noch wichtiger ist für ihn, dass meist nur die berühmten Worte zitiert werden, nicht aber der ganze Vers: keine Rache üben, keinen Groll hegen, den Nächsten lieben, und dann: „Ani HaSchem“, „Ich bin der Ewige“.

Gerade diese letzten beiden Worte sind für Seelig entscheidend. Ohne sie wäre das Gebot eine schöne menschliche Ethik, eine soziale Regel, die auch in anderen Religionen und Kulturen vorkommt. Mit „Ich bin der Ewige“ wird sie jedoch zur göttlichen Weisung. Menschen ändern ihre Maßstäbe, Gesellschaften wandeln sich, Moden von Moral kommen und gehen. Das Wort Gottes aber bleibt.

Seelig erläutert mit Maimonides den Unterschied zwischen Rache und Groll. Rache verweigert dem anderen, was er einem selbst verweigert hat. Groll kann sogar dort bestehen, wo man hilft, aber innerlich oder ausdrücklich sagt: „Siehst du, ich bin besser als du.“ Das führt zur Überheblichkeit, während Mose gerade für seine Bescheidenheit gerühmt wird. Wer grollt oder Rache sucht, zeigt nach Seelig auch einen Mangel an Glauben: Der andere wird dann nicht mehr als Teil einer größeren göttlichen Führung verstanden.

Schließlich weitet Seelig den Vers über die „Kinder deines Volkes“ hinaus. Der folgende Vers über den Fremden zeigt für ihn: Würde, Recht und menschliches Verhalten gelten allen, auch Minderheiten und Fremden. Nächstenliebe, Verzicht auf Rache und Schutz des Fremden beruhen nicht bloß auf Humanität, sondern auf Gottes bleibendem Gebot.

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