Da ich endlich einmal Ferien mache, sende ich heute die Aufzeichnung des Worts zum Schabbat vom 13. Mai 2022. Diese Erklärung zur Parascha Emor erschien noch nicht auf dieser Website.
Rabbiner Dr. Walter Rothschild verbindet in seiner Auslegung zum Wochenabschnitt Emor (3. Mose 21–24) den antiken Priesterkodex mit aktuellen Fragen über Würde, Beruf und moralische Standards.
Ausgangspunkt ist der Skandal um ein deutsches Rabbinerseminar, der kurz vor der Aufzeichnung die jüdische Öffentlichkeit beschäftigte: Vorwürfe sexueller und psychologischer Belästigung warfen die grundsätzliche Frage auf, was man von Rabbinerinnen und Rabbinern überhaupt verlangen darf – und kann.
Rothschilds theologischer Schlüssel ist der Unterschied zwischen Priester und Rabbiner. Der Priester steht zwischen Gott und den Menschen, der Rabbiner zwischen den Menschen und Gott. Diese umgekehrte Richtung ist fundamental: Priester segnen im Namen Gottes, Rabbiner lehren und entscheiden, segnen aber nicht selbst – auch der aaronitische Segen (Numeri 6) wird stets in der dritten Person gesprochen, als Zitat.
Das Priesteramt war erblich und nur über Nachkommen Aarons zugänglich – ganz anders als das Amt des Rabbiners, das offen ist. Daraus ergibt sich die Pflicht des Kohen, für priesterlichen Nachwuchs zu sorgen, was weitreichende Regelungen über Heirat, Reinheit und Familienstand erklärt. Der Hohepriester unterlag noch strengeren Bedingungen: Er durfte sich nicht einmal zur Beerdigung seiner eigenen Eltern verunreinigen – er ist zu jeder Zeit im Dienst, ähnlich einem Papst oder einem Staatschef.
Körperliche Unversehrtheit als Voraussetzung fürs Amt führt Rothschild behutsam in die Gegenwart: Tattoos und Lehramt in Berlin, die MeToo-Debatte, die Frage homosexueller Rabbiner. Überall dieselbe Spannung – zwischen individueller Freiheit und dem, was eine Gemeinschaft von ihren Führungspersonen erwartet.
Sein Fazit ist nüchtern: Man erwartet von Menschen in herausgehobenen Positionen immer höhere oder andere Standards. Das ist nicht immer gerecht, aber es ist so. Die Tora-Texte aus dem Stiftzelt sind 3000 Jahre alt – die Fragen, die sie aufwerfen, sind es nicht.










