Bis zum Ende des Zyklus der Tora-Lesungen im jüdischen Jahr 5786 siehst du Aufnahmen von Gesprächen mit Rabbinern zum Wochenabschnitt aus der Anfangszeit des „Wort zum Schabbat“. Diese wurden auf dem Portal von ahavta - Begegnungen bislang nicht veröffentlicht.
Die Auslegung zur Parascha Ki Tezé wurde am 28. August 2020 aufgezeichnet.
Rabbiner Alexander Nachama beginnt seine Gedanken zum Wochenabschnitt Ki Tezé (5. Mose 21,10–25,19) alltäglich: Es gibt Menschen, die uns das Leben schwer machen – der Kollege, der zuverlässig das Gegenteil des Abgesprochenen tut, oder Konflikte in der eigenen Familie. Genau dort setzt Ki Tezé an, wenn die Tora vom ungehorsamen, widerspenstigen Sohn spricht, der auf Vater und Mutter nicht hört.
Was heißt das konkret? Nachama fragt, ob es um verweigerte Hausarbeit oder ums Schlafengehen geht, und verweist auf Rabbiner Josef Hermann Herz: Gemeint ist ein Kind, das die Autorität der Eltern und die Gottes missachtet. Denn nach jüdischer Zählung gehört „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ nicht zu den Geboten zwischen Menschen, sondern zu denen zwischen Mensch und Gott. Der Talmud spricht von drei Partnern bei der Erschaffung des Menschen: Gott, Mutter und Vater. Wer die Eltern nicht ehrt, ehrt auch Gott nicht. Fälle von Gewalt oder Missbrauch klammert Nachama ausdrücklich aus; hier geht es um schlechtes Benehmen.
Auch die harten Wendungen liest er mit den Kommentaren. Das „Züchtigen“ deutet Raschi als ausdrückliche Warnung, „Schlemmer und Trunkenbold“ als einen, der später die Eltern und dann andere bestehlen wird. Damit steht ein Urteil über Taten im Raum, die noch nicht geschehen sind – eine präventive Todesstrafe, an der die Rabbinen schwer tragen. Der Talmud stellt klar: Die Bedingungen dafür sind nie eingetreten und werden nie eintreten.
Nachamas eigentliche Frage lautet: Hat nicht jeder die Möglichkeit zur Umkehr? Der Monat Elul vor Rosch Haschana und Jom Kippur lädt zur Bilanz des Jahres ein. Es ist nie zu spät für Teschuwa – auch nach Jahren der Missachtung –, sofern sie ehrlich gemeint ist: „Theater können wir uns sparen.“ Wer zurückfindet, heißt Ba’al Teschuwa, Meister der Umkehr; Nachama erinnert an den Schauspieler Uri Sohar, der Rabbiner wird. Aufschieben soll man die Umkehr nicht. Und wo Worte einen Mitmenschen nicht erreichen, hilft es, ihm Raum zu geben und später erneut zu sprechen.
Ich hebe abschließend noch hervor, dass Juden und Christen im Gedanken der Umkehr besonders nah beieinander stehen: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist der Ruf zur Rückkehr zum Vater, der mit offenen Armen wartet.










